Syrien: Die Verlierer sind die Kinder

Vor allem die Kinder sind die Verlierer im Syrien-Krieg. Foto: Islamic Relief

In Syrien gibt es bereits heute 86.000 Menschen, denen als Folge des Krieges Gliedmaßen amputiert werden mussten. Das geht aus dem Bericht des UN-Kinderhilfswerkes (UNICEF) hervor.

Im dem Bürgerkrieg kamen seit Ausbruch des Konflikts Aktivisten zufolge mehr als 350.000 Menschen ums Leben. Unter den Opfern seien mehr als 105.000 Zivilisten, meldete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Enthalten in diesen Zahlen sind demnach nur Opfer, deren Tod belegt ist. Die tatsächliche Zahl der Toten sei deutlich höher und liege Schätzungen zufolge bei mehr als 500.000.

Die Warnung von UNICEF ist eindeutig: Der fehlende Zugang zu guter medizinischer und psychologischer Behandlung führt oft dazu, dass sich Kriegsversehrte aus Syrien langsamer von ihren Verletzungen erholten oder sich ihr Zustand sogar verschlechtere. Viele Kinder verloren Angehörige und ihnen fehlen enge Bezugspersonen. Etwa 750.000 Kinder müssten als Folge des Krieges schon jetzt mit Behinderungen leben, schätzt Geert Cappelaere, der UNICEF-Regionaldirektor für Nahost und Nordafrika.

Unterdessen hat Caritas international Forderungen nach einer Rückkehr von Flüchtlingen nach Syrien zurückgewiesen. „Derzeit sind allein drei Millionen Menschen in belagerten oder schwer erreichbaren Regionen von lebenswichtiger Hilfe abgeschnitten. Hinzu kommt, dass die Infrastruktur in vielen ehemaligen Kampfgebieten völlig zerstört wurde“, äußerte gestern Peter Neher, Präsident des Deutschen Caritasverbandes, in Freiburg. Solche Rufe seien realitätsfern. In einem großen Teil des Landes müssten die Menschen auch sieben Jahre nach Kriegsbeginn um ihr Leben fürchten und selbst in weniger umkämpften Gebieten würden immer wieder sicherheitsrelevante Vorfälle gemeldet.

Außerdem sei es so, dass jeder junge Mann, der in das Land zurückkehrt, große Gefahr laufe, von der Regierungsarmee oder den Milizen zwangsrekrutiert zu werden. „Wir können nicht wollen, dass diese Menschen in einen sinnlosen Krieg gezogen werden.“ Darüber hinaus habe nicht nur ein Großteil der Menschen in den aktuellen oder ehemaligen Kriegszonen sein Zuhause verloren, sondern auch die Lebensgrundlage. „Viele Bewohner dieser Gegenden haben keine Arbeit mehr und können ihre Familie nicht mehr ernähren und auch die medizinische Versorgung ist desaströs“, betonte Neher.

„Unter anderem aus Städten wie Aleppo wissen wir zudem, dass neben Häusern und Straßen auch fast die gesamte Wasser- und Stromversorgung zerstört wurde“, so Neher. Und ein Wiederaufbau liege in weiter Ferne. „Dazu sind riesige städtebauliche Projekte erforderlich, was selbst in Friedenszeiten eine enorme Herausforderung wäre.“

Menschen in Ost-Ghouta von außen abgeschnitten

Sieben Jahre nach Beginn des Syrienkrieges ist die humanitäre Lage der zivilen Bevölkerung so dramatisch wie nie. Mittlerweile sind innerhalb Syriens und in den Nachbarländern fast 19 Millionen Menschen auf Nothilfe angewiesen. In Ost-Ghouta nahe Damaskus sind derzeit 400.000 Menschen von der Außenwelt und damit von wichtigen Hilfsgütern wie Nahrungsmitteln und Medikamenten abgeschnitten.

„Die Nachrichten aus Syrien machen mich fassungslos! Erschütternde Bilder von Menschen in Ost-Ghouta, denen die blanke Angst um ihr Leben ins Gesicht geschrieben steht, weil sie den Bomben nicht entkommen können“, sagt Manuela Roßbach, geschäftsführender Vorstand des Bündnisses „Aktion Deutschland Hilft“. „Fünf Stunden reichen nicht aus, um mit LKWs an umkämpfte Orte zu gelangen und Notleidende zu versorgen. Humanitäre Hilfe braucht realen Zugang zu den Menschen und die Möglichkeit, wirklich alle Betroffenen zu erreichen.“

Hilfsorganisationen mussten aufgrund der anhaltenden Gefechte ihre Hilfsmaßnahmen einstellen. Auch Bündnisorganisationen von „Aktion Deutschland Hilft“ berichten, wie gefährlich die Lage in den umkämpften Regionen Syriens geworden ist.

Der UN-Sicherheitsrat forderte am 24. Februar einen einmonatigen Waffenstillstand, damit humanitäre Organisationen die syrische Bevölkerung mit lebensrettender Hilfe erreichen können. Bisher dauern die Kämpfe in Syrien weiter an und mit ihnen wird das Leid der Zivilbevölkerung immer größer. Als Bündnis deutscher Hilfsorganisationen ist „Aktion Deutschland Hilft“ weltweit für Menschen in Not da. Dort, wo es die Lage zulässt, helfen die Bündnisorganisationen in Syrien und in den Nachbarländern, in denen Millionen Flüchtlinge Sicherheit suchen.

Türkische Militärs vor Afrin

Ähnlich wie im syrischen Ost-Ghouta spitzt sich nun auch die Situation im syrisch-kurdischen Kanton Afrin zu. Noch sind die Opferzahlen unter der Zivilbevölkerung laut der Ärzte und medico-Partner in Afrin verglichen mit Ost-Ghouta gering. Das könnte sich, so befürchten die Mediziner vor Ort, sehr schnell ändern: Die türkische Truppen und ihre syrisch-dijahidistischen Allierten sind nur noch wenige Meter von der Stadt Afrin entfernt. Die Außenbezirke der Stadt liegen unter Dauerbeschuss von Mörsergranaten. Die Strom- und Wasserversorgung ist wohl unterbrochen. 800.000 Menschen leben schätzungsweise in Afrin, darunter viele Flüchtlinge aus anderen Regionen Syriens. Auch sind viele Menschen aus den Dörfern und Flüchtlingslagern rund um Afrin aufgrund der Angriffe in die Stadt geflohen.

Afrin ist eine der letzten sicheren Regionen in Syrien gewesen. Die Menschen werden deshalb, so die medico-Partnern, trotz der drohenden langen Häuserkämpfe in der Stadt bleiben. So leben im Kanton Afrin auch viele Jeziden, die hier zum ersten Mal Religionsfreiheit erhalten haben. Nicht nur sie fürchten die dijahidistischen Verbände, die zum Teil auch bei den Angriffen gegen die Jeziden im Shingal 2014 dabei waren, als mehrere tausend Frauen entführt und versklavt wurden. Auch die kurdischen Bewohnerinnen und Bewohner teilen schreckliche Erinnerungen an deren Anschläge und Massaker unter anderem in Kobane.

Die Bundesregierung, so medico, müsse beim NATO-Partner Türkei massiv intervenieren, um eine schreckliche weitere Spirale im syrischen Konflikt zu verhindern. „Stattdessen schweigt die Bundesregierung. In Syrien sind in Deutschland produzierte Panzer im Einsatz. In Deutschland werden Kurden kriminalisiert, die sich mit den Menschen in Afrin solidarisch erklären. Die Bundesregierung bewegt sich auf einem schmalen Grat zwischen Zuschauen und Billigung des türkischen Militäreinsatzes, dessen Ende in keiner Weise absehbar ist“, so Katja Maurer von medico international. Es sei zu befürchten, dass im Hintergrund auch das völkerrechtswidrige EU-Türkei-Abkommen eine wichtige Rolle spiele. „Das will man auf keinen Fall gefährden. Und so schaut man zu, wie die syrische und kurdische Bevölkerung in einer Falle sitzt“, so Maurer. Eine stärkere politische Rolle der EU und Deutschlands, die auf Einhaltung des Völkerrechts und der UN-Beschlüsse wie zuletzt auch bezüglich von Ost-Ghouta drängt, sei dringend geboten. Dazu müsse man aber von eigenen unmittelbaren Interessenlagen wie im Fall der Flüchtlinge absehen.